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Dokumentation Fachsymposium 2011

Feldenkrais und Forschung

Subjektive Beobachtungen zum Symposium

von Jutta Jacobi

Wir danken Jutta Jacobi und dem „Feldenkraisforum“ (Nr. 73, April/Mai/Juni 2011), in dem dieser Tagungsbericht zuerst erschien, für die freundliche Wiederabdruckgenehmigung.

Wissenschaftliche Symposien – normalerweise finden sie doch in großen Tagungszentren statt oder in den Hörsälen der Universitäten, denke ich, während ich meine Füße auf holperiges Kopfsteinpflaster setze. Ganz schön versteckt, diese Uferstudios im Berliner Stadtteil Wedding. Da, irgendwo hinter dem Jüdischen Krankenhaus, müssen sie liegen. Es beginnt zu schneien. Ein Mann in einer Imbissbude kocht Kaffee. Feldenkrais? Er gibt mit seinem Arm (war es der linke oder der rechte?) die Richtung an. Die Frage hat er heute nicht zum ersten Mal beantwortet. Schließlich entdecke ich auf einer Mauer das Hinweisschild und betrete ein weitläufiges, ehemaliges Werksgelände. Bis vor ein paar Jahren wurden hier die kaputten Busse und Bahnen der Berliner Verkehrsbetriebe repariert, dann sind die Kreativen eingezogen. Ich glaube zu verstehen: das hier ist ein Ort für Experimente, ein Ort jenseits fester Zuschreibungen, und er wurde mit Bedacht gewählt. 

Um 9:30 Uhr an diesem 20. Januar 2011 soll das Fachsymposion „Feldenkrais und Forschung“ beginnen, im Vorfeld der Jahrestagung. Ich habe die Aufgabe übernommen, darüber zu schreiben. Aber wie? Von Beruf bin ich Journalistin, insofern Universaldilettantin. Als Journalistin würde ich mich selbst aus dem Spiel lassen, wenn ich einen Tagungsbericht zu schreiben hätte. Aber als Journalistin bin ich nicht hier, sondern als Feldenkrais-Studentin, Wien V. Ich darf also subjektiv sein. Und ich muss auch nicht so tun, als würde ich alles verstehen. Im dritten Jahr meiner Ausbildung kann ich immer noch keine knappe, klare Antwort geben, wenn man mich fragt, was ich denn da treibe, wenn ich monatelang in Wien bin. Eine Theorie der Feldenkrais-Methode, wie Roger Russell sie fordert, (vgl. Feldenkraisforum, Nr. 69) eine Theorie, die es uns ermöglichte, unsere vielfältigen Erfahrungen in einem Gesamtbild unterzubringen, wäre schon hilfreich.

Er arbeitet daran. Was sind wir? Pädagogen, Therapeuten, Philosophen – oder noch etwas anderes? Zur Einstimmung präsentiert Roger Russell ein Schema, das jedem Einzelnen von uns helfen kann, sich in den vielen möglichen Aktions- und Erfahrungsfeldern der Feldenkrais-Methode einzuordnen. Es sieht aus wie ein Fahrplan der Berliner Verkehrsbetriebe – passend zu dem historischen Terrain, auf dem wir uns gerade befinden. „Wer keine Lust mehr hat, auf einer bestimmten Linie weiterzufahren, kann aussteigen und den Bus nehmen“, grinst Roger Russell. Er klickt mit der Computermaus - und schon ist das Schema wieder weg. Ach! Es ist wie so oft bei einer ATM: Kaum bin ich auf eine Bewegung neugierig geworden, schon geht es weiter mit der nächsten Variation. Inzwischen habe ich aber begriffen von der Methode: Eine Idee taucht immer wieder auf, in immer neuen Zusammenhängen. Man wird sich gedulden müssen.

Ich befinde mich auf der Linie „Lernen-Embodiment“ des U-Bahn-Netzplans. Und treffe dort Carl Ginsburg, den ersten Referenten des Tages. Er spricht über sein neues Buch „The intelligence of moving bodies“, und er könnte das nicht tun, sagt er, also Dastehen und Reden, wenn nicht eine Absicht (intention) bestünde, die das Zusammenwirken aller beteiligten Nervenzellen koordiniert. Dabei beruft er sich auf Nikolai Bernsteins Entdeckung der Synergie in den 1940er Jahren. Lernen könne jede einzelne Zelle für sich, auch ohne Mitwirkung des Zentralnervensystems. Selbst Amöben können lernen, das haben Versuche gezeigt. Was bedeutet das für das Feldenkraishandeln? Es ist „Beziehungsarbeit“, die das Zusammenwirken zwischen den einzelnen Zellen fördert. 

Beziehungsarbeit leistet auch Cornelia Berens als Moderatorin des Tages. Souverän und kaltblütig steuert sie ReferentInnen und Publikum durch das dichte Programm.

Es gehe darum, hat sie zur Begrüßung gesagt, zwischen Feldenkrais und den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen eine Brücke zu schlagen. „Denn keine einzelne kann die Erklärung für das liefern, was wir tun“. 

Und dann diese herzhafte Polemik: Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie an den Universitäten Göttingen und Heidelberg/Mannheim und übrigens der Einzige am Rednerpult, der (noch?) kein Feldenkrais-Training absolviert hat, findet: „Wir sollten nicht darüber nachdenken, wie man die Feldenkrais-Methode wissenschaftlicher macht, sondern ob nicht manche Wissenschaftler eine Feldenkraisbehandlung brauchen.“ 

Der Titel seines Vortrags lautet: „Was ist objektiv messbar und worauf kommt es an?“, aber lieber möchte er formulieren: „Was ist messbar? Was ist objektiv? Und worauf kommt es an?“ Denn manches, was gemessen wird, sei weder objektiv noch relevant. 

Eine Schmetterlingsforschung, die sich damit begnügt, die Schmetterlinge zu zählen, sei nicht relevant. Eine, die fragt: Was brauchen die Schmetterlinge? dagegen schon. 

Während er redet, wird eine junge Frau im Publikum ohnmächtig. Vier andere kümmern sich um sie. Wenn ich die Wahl hätte, wo ich umfallen möchte: auf einer Tagung von Journalisten oder hier, müsste ich nicht lange überlegen.

Zur Frage des Messbaren: Wenn wir alle „evidenzbasiert“ arbeiten sollen, dann liegt darin auch Ideologie, so Hüther: „Natürlich lässt sich die Wirkung von Pillen leichter messen als die von komplexen Behandlungsansätzen wie Psychotherapie und Feldenkrais.“ Von der Pharmaforschung sagt der Autor von „Die Macht der inneren Bilder“, das Interessanteste, was sie in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht habe, sei der Placebo-Effekt. Und dann die vermeintliche Objektivität der Naturwissenschaften! Nicht nur das Objekt ist ein Subjekt, sondern auch der Beobachter, unterstreicht der eloquente Neurobiologe. Jemand aus dem Publikum freut sich: Sollen doch endlich auch die Naturwissenschaftler begreifen, was Geisteswissenschaftlern schon längst klar ist. Hüther bestätigt es: Gut betriebene Hirnforschung ist Geisteswissenschaft. Noch ein Brückenschlag.

Wie wäre es, wenn die Methodik wissenschaftlichen Arbeitens von der Feldenkrais-Praxis profitieren würde? Der Gedanke ist reizvoll, und er ist mehr als nur ein Gedanke. Barbara Pieper und Daniel Clénin haben mit „Prisma“ einen „praktisch-theoretischen Forschungszugang“ entwickelt mit dem Ziel „Theorie und Praxis, Kopf und Körper, Objektivität und Subjektivität“ zu verbinden. Wie das funktioniert, führt uns die Sozialwissenschaftlerin Barbara Pieper an diesem Nachmittag vor. Zweimal hintereinander lässt sie uns eine Filmszene betrachten, die einen Friseur und seinen Kunden in der Interaktion zeigt. Unsere Aufgabe ist, in Dreiergruppen das „Bäumchen-wechsle-dich“–Spiel der Perspektiven zu üben, den Fokus abwechselnd auf den Einen, den Anderen und uns selbst legen. Wir sollen dabei sowohl unseren Intellekt als auch das Gefühl beiseite  lassen, uns beschränken auf die Sinneseindrücke und diese spontan benennen. Das ist schwer! Wie schwer muss es erst für Wissenschaftler sein, die zum ersten Mal sich selbst beobachten müssen, statt immer nur auf etwas zu schauen.

Vermutlich sind Julius Verrel und Christian Pfeiffer da besser gerüstet als viele ihrer Kollegen. Beide verbinden Feldenkrais und Wissenschaft. Sie sind jung – wer weiß, wohin es sie führt!

Julius Verrel hat Mathematik und kognitive Neurowissenschaften studiert und ist jetzt PostDoc am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Promoviert hat er über ein bewegungswissenschaftliches Thema, über „Altersunterschiede in der Ausnutzung motorischer Freiheitsgrade“, und dazu kam er über Feldenkrais. 

Bewegungswissenschaft ist ein interdisziplinäres Fach, in das Physiologie, Medizin, Biomechanik, Neurowissenschaften, Sport, Psychologie und Robotik hineinspielen, lerne ich. Und sie befasst sich mit Themen wie Koordination, Bewegungsvariabilität, Handlungsbereitschaft, Schmerz, Entwicklung und Altern.

Als Gründer der Bewegungswissenschaft stellt uns Julius den oben erwähnten Nikolai Bernstein vor (1896 – 1966). Der war als guter Sowjetbürger an Fragen interessiert wie: Wie funktioniert Industriearbeit? Kann man sie perfektionieren? Er kam in Konflikt mit dem Regime, als er behauptete, Bewegung könne nicht begriffen werden als eine Kette von Reiz-Reaktions-Impulsen. Experimente mit Arbeitern und Athleten hatten ihn davon überzeugt – wie der Schmied, der mit seinem Hammer den Amboss immer wieder präzise traf. Aber jedes Mal war es eine andere Bewegung. „Somit ist die Bewegung keine Kette von Details, sondern eine in Details untergliederte Struktur“, schrieb Bernstein 1940. Ganz offensichtlich gibt es einige Parallelen im Denken von Bernstein und Moshé Feldenkrais. Beide interessierten sich für Lernprozesse und vertraten auch im Detail ähnliche Ideen. Etwa, wie man über die Einschränkung von Freiheitsgraden motorische und sensorische Erfahrungen machen kann. Persönlich gekannt haben die beiden einander wohl nicht. Spätestens seit 1966 aber, als Bernsteins wissenschaftliche Arbeiten auf Englisch erschienen, hatte Feldenkrais Kenntnis davon.


Sollte die Nachwelt sich jemals eine solche Frage für Julius Verrel und Christian Pfeiffer stellen, sei hiermit bezeugt: an diesem 20. Januar 2011 in den Berliner Uferstudios haben sie sich getroffen.

Christian Pfeiffer ist Diplompsychologe und Doktorand für kognitive Neurowissenschaften. Momentan untersucht er neuronale Grundlagen körperlicher Selbstwahrnehmung an der Technischen Universität Lausanne. Dort geht er zum Beispiel der Frage nach: Wie werden visuelle und taktile Informationen verarbeitet? Er lässt uns ausprobieren, wie leicht sich das Körperbild verändern lässt, das wir von uns haben – natürlich durch Bewegung. Vierzig Leute berühren mit angewinkelten Armen gleichzeitig die eigene Nase und die der vor ihnen Sitzenden. Nun haben manche den Eindruck, sie hätten eine lange Pinocchio-Nase. So schnell geht das. Wir alle kennen solche Erfahrungen aus ATM und FI. Aber wie lassen sie sich befestigen? Auf diese Gretchenfrage aller Feldenkrais-Studenten haben die Forscher in Lausanne noch keine Antwort. 

Am Ende fasst Sabina Graf-Pointner ihre Eindrücke zusammen. Nachdenklich steht sie da, durch Gerald Hüthers kritische Gedanken um eine Illusion ärmer geworden. Vielleicht ist es ja eine naive Vorstellung, dass die Wissenschaft uns ihren Segen erteilt? „So sehr ich am Wissen interessiert bin, so sehr hoffe ich, dass der Zauber der Feldenkrais-Methode erhalten bleibt.“ Für dieses Schlusswort bekommt sie eine Menge Applaus. Auch von mir.